Der Bio-Brauer
„Wenn man einmal den ökologischen Bazillus in sich hat, wird man ihn nicht mehr los.“ – Schon lange vor Planetenrettungs- und Gesundheitswelle zeigt sich Dr. Franz Ehrnsperger, Inhaber der Neumarkter Lammsbräu, vom „Ökovirus“ infiziert. Bereits 1980 entscheidet sich der promovierte Kaufmann und Diplom-Braumeister für eine umweltorientierte Unternehmensführung und die Herstellung von ökologisch gebrautem Bier. Von Mitbewerbern und Handelspartnern einst belächelt, ist der rund 400 Jahre alte Betrieb, der sich seit 1800 in Besitz der Familie Ehrnsperger befindet, mittlerweile zur größten Bio-Brauerei Europas mutiert. Tendenz steigend.
„Auf diesem schönen Erdenfleck wollen wir keinen Gentechnik-Dreck!“ - Kämpferisch sieht er aus, der 2-Meter-Mann. Auf einem Foto von der Anti-Gentec-Demo in Neumarkt steht er da, mit roter Krawatte und einem riesigen Transparent wider die gentechnische Verunreinigung bierrelevanter Ingredienzien. Wenn’s ums Bier geht, versteht Franz Ehrnsperger keinen Spaß. Das Manifest zur dauerhaften Sicherung des bayerischen Reinheitsgebotes, unterzeichnet am 27. September 2006, trägt seine Handschrift. Und nicht nur das. Nach dem Motto „Was ein Bier nicht braucht, ist bei uns nicht drin“, veröffentlicht der gelernte Braumeister und Diplom-Kaufmann bereits 1989 seine Richtlinien für ökologisches Bierbrauen, Titel: Das Reinheitsgebot beginnt auf dem Acker - eine Art Proklamation, in der der überzeugte Bio-Brauer niederschreibt, was ihm am Herzen liegt. Mit 24 steigt der junge Hochschulabsolvent in den elterlichen Betrieb ein. Zunächst übernimmt er die Verkaufsabteilung, kümmert sich um technische Dinge und schreibt nebenbei an seiner Promotion. 1971 wird er zum geschäftsführenden Gesellschafter berufen. Die Eltern, Lisa und Michael Ehrnsperger, sind beide noch im Unternehmen tätig und wissen, dass ihr eigenwilliger Sprössling vieles anders machen wird, als die fünf Generationen vor ihm. Besonders Mutter Lisa, ihres Zeichens verantwortlich für die Buchhaltung, wird es Angst und Bange als sie sieht, mit welcher Beharrlichkeit der Junior an der Realisierung seines Ökokonzeptes bastelt. „Der Junge macht den Betrieb kaputt“, konstatiert sie besorgt und auch die alteingesessenen Bauern zeigen sich skeptisch gegenüber den hehren Phantasien des biodynamischen Jungunternehmers. Doch Franz Ehrnsperger schafft es, die ortsansässigen Landwirte von der Gründung einer Erzeugergemeinschaft zu überzeugen – inklusive Umstellung ihrer Betriebe nach ökologischen Richtlinien und Anbau von naturreinem Hopfen und Bio-Gerste fürs eigene Unternehmen. Heute arbeiten rund 100 Bio-Bauern aus der Region mit 4000 Hektar ökologisch bewirtschafteter Fläche für die Neumarkter Brauerei.
Erste Versuche mit ökologischem Bier startet die Nürnberger Brauerei im Altstadthof - ein zur Neumarkter Lammsbräu gehörendes Tochterunternehmen - bereits 1984. Drei Jahre später bringen Ehrnsperger & Co. ihre ersten beiden Ökosorten auf den Markt: Schankbier und Dunkel. „Ich wusste, ich kann nur überleben, wenn ich etwas Besseres mache als die anderen.“ Besser ist gar kein Ausdruck. Ehrnspergers ganzheitlich-ökologisches Unternehmenskonzeptes erweist sich nicht nur als erfolgreich, aus heutiger Sicht erscheint es geradezu visionär. „In den 80ern hat noch keiner vom Bio-Boom gesprochen. Es gab ein paar Naturkostläden, das war’s.“ Franz Ehrnsperger und seine Frau Hemma gehören mitnichten zur Müsli mümmelnden Birkenstock-Fraktion. Im Gegenteil. Vital, lebensfroh, mit großer Liebe zu allem, was da kreucht und fleucht, verbindet die beiden vor allem eines: Der tiefe Respekt vor dem Menschen, der Natur, dem Leben überhaupt: „Wir sind der grundlegenden Überzeugung, dass sinnvolles und langfristig gesundes Wirtschaften nur im Einklang mit Natur und Schöpfung geschehen kann. Oberstes Gebot ist die Nachhaltigkeit in allen Dingen, die man tut – immer mit dem Ziel, dass auch noch unsere Nachkommen eine lebenswerte Umwelt vorfinden.“ Seit 40 Jahren sind die beiden ein Paar, 36 davon sind sie verheiratet. Drei Kinder und sechs Enkelkinder krönen das Glück, im anderen seinen „Seelenpartner“ gefunden zu haben: „Der liebe Gott hat uns so groß werden lassen, damit wir uns leichter finden“, meint Hemma Ehrnsperger, die mit ihren 1,84 schlank gewachsenen Metern Modelmaße aufweist.
Nach sorgsamer „Aufzucht“ der Kinder („Ich bin ein absoluter Familienmensch“) hat die gelernte Chemielaborantin eine Ausbildung zur UGB-Gesundheitstrainerin (Bereich Ernährung) absolviert und sich in Richtung Therapie, Lebens- und Gesundheitsberatung weitergebildet: „Ich wollte nicht nur die Ehefrau an der Seite eines erfolgreichen Mannes sein.“ Heute arbeitet sie in eigener Praxis - nur unweit von der Brauerei entfernt - und berät Menschen in Krisensituationen.

